
Amos Oz. Worte. Essays und Reden
Das Buch Worte, das gerade im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp erschien, wurde von seiner Tochter, der Literaturwissenschaftlerin Fania Oz-Salzberger, und Gafnit Lasri Kokia herausgegeben. Es sind Reden und Essays aus den Jahren 1964–2018, also Zeugnisse des Denkens von Amos Oz aus seinem gesamten Schriftstellerleben.
Amos Oz ist sehr bekannt, daher nur kurze Stichpunkte:
- 1939 Jerusalem – 2018 Petach Tikva
- meistübersetzter Schriftsteller Israels
- lehrte Literatur und Philosophie in Beer Scheva
- bekannt auch für politisches Engagement, Friedensaktivist, gleichzeitig erklärter Zionist
Schriftsteller und politischer Aktivist
Die Texte enthalten keine Erläuterungen zu Inhalt und Entstehungsgeschichte seiner Romane und Erzählungen, allerdings berührt er hin und wieder das Verhältnis zwischen dem Schriftsteller Amos Oz und dem politischen Aktivisten Oz. Beide Seiten gehören zueinander und zu ihm, aber er will sie getrennt verstanden sehen. In diesem Buch lernen wir Oz als politisch denkende und teilnehmende Persönlichkeit kennen.
Themen
Alle Essays und Reden kreisen um die Existenz Israels sowie der jüdischen „Zivilisation“ (Kaplan) in Israel und in der Diaspora. Er schreibt vielschichtig: manchmal geht es um konkrete Ereignisse, oft aber auch um die Grundfragen: Was ist Zionismus? Warum sind wir hier (in Israel)? Welche Vision hat Israel? Es geht um die Liebe zum Land, um die notwendigen Konsequenzen aus der so einfachen wie grundlegenden Erkenntnis, dass weder die Juden noch die Palästinenser allein in dem Land leben.
Stil- und Schreibweise
Obgleich das Buch von scharfsichtigen politischen und historischen Analysen durchsetzt ist, merkt man, dass es nicht von einem Historiker und nicht von einem Politologen stammt, sondern von einem Literaten. Es ist vom Standpunkt des Autoren-Ichs geschrieben und präsentiert Diskussionsbeiträge, keine wissenschaftlichen Wahrheiten. Oz schöpft aus eigenen, persönlichen Erfahrungen. Er vertritt seine Positionen nicht verklausuliert und höflich, sondern klar, deutlich, zuweilen ironisch und scharfzüngig. Die spezifische Mischung aus rationalen Erkenntnissen, erzählter Geschichte und persönlichen Erlebnissen macht das Buch lebendig, gut zu lesen und sehr eindringlich. Es hat menschliche Tiefe.
Sein Judentum ist ein Amalgam aus jüdischer Tradition und westlichem Humanismus.
Zur Aktualität
Oz verstarb 2018, also ca. fünf Jahre vor dem 7. Oktober 2023, der in Israel als katastrophale Niederlage gilt. In seinen Texten finden sich gelegentlich Ausblicke auf die Zukunft Israels. Diese sind größtenteils düster und vor allem innenpolitisch von fast prophetischer Qualität, bis hin zu Erwägungen der Zerstörung Israels oder eines Abgleitens in ein autoritäres Regime.
Umriss seiner politischen Positionen
Jeder einzelne Text des Buches beleuchtet Aspekte von Oz’ eigener politischer Positionierung:
Oz ist zwar in der jüdischen Tradition fest verankert und gleichzeitig ein säkularer Zionist: Er ist ein entschiedener Vertreter der Zwei-Staaten-Lösung, denn er will ein Israel mit jüdischer Mehrheit. Seine Lehre aus der jüdischen Geschichte: Nie wieder Minderheit! Er befürwortet auch den Trennzaun zwischen der Westbank und Israel, soweit dieser an der sogenannten „Grünen Linie“ verläuft.
Oz ist zwar ein Friedensaktivist (zum Beispiel trat er frühzeitig für die Rückgabe der besetzten Gebiete im Westjordanland ein), aber kein Pazifist. Er weiß sehr wohl und drückt es auch aus: Ohne starke Armee kann Israel nicht überleben. Das Buch enthält auch einen für einen Kommandeur und Freund von Oz verfassten Tagesbefehl vom 5. Juni 1967.
Er weiß aber auch, dass Israel das Ziel eines friedlichen Zusammenlebens mit den Palästinensern nicht militärisch, sondern nur durch schmerzhafte Kompromisse erreichen kann. Er plädiert für eine radikale Infragestellung bisheriger Positionen.
Zusammenfassend und sehr verkürzt kann man sagen: Er war ein zionistischer Friedensaktivist.
Ich empfehle das Buch unbedingt: Es ist lebendig geschrieben, vielschichtig und vermittelt tiefe Einblicke in die israelische Gesellschaft ab ca. 1960. Es ist schonungslos und ehrlich. Es vermittelt Kenntnisse der israelischen Gesellschaft und hilft somit, die aktuelle politische Situation zu verstehen.
Wir lernen einen Menschen kennen, der bis zuletzt für seine großen humanistischen Visionen gekämpft hat.
Alisa Bach
Amos Oz. Worte. Essays und Reden. Berlin: Jüdischer Verlag, Suhrkamp Verlag, 2026.