
Etty (arte Mediathek)
Die sechsteilige Serie Etty, die zurzeit in der arte Mediathek zu sehen ist, zeigt Etty Hillesum als denkende, fragende und spirituell suchende Frau in einer Zeit der Bedrohung. Die Serie ist eine zeitgenössische Adaption des israelischen Regisseurs Hagai Levi, der bewusst auf emotionale und geistige Unmittelbarkeit setzt.
Etty Hillesum, 1914 in Middelburg in den Niederlanden geboren, lebte zu Beginn der 1940er-Jahre unter dem NS-Terror in Amsterdam. Sie wurde bekannt durch ihr Tagebuch, das sie von 1941 bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz 1943 führte. Es erschien erstmals 1981, zwei Jahre später erfolgte eine Gesamtausgabe ihrer Tagebücher und Briefe. Etty Hillesums Denken berührt und spricht viele Menschen an.
Die Serie zeigt Etty als suchenden Menschen mit Schwächen, Begehren, Einsamkeit, Widersprüchen und großer Sensibilität, als eine Person, die schreibt, um sich selbst zu verstehen, ihre Wahrnehmung zu schärfen und einen Halt in sich zu finden.
Ausgangspunkt ist ihre Begegnung mit Julius Spier, dem Psychoanalytiker und Handleser, der sie zu Übungen auffordert und sie zur Selbstbeobachtung und zum Tagebuchschreiben anregt. Es entwickelt sich nicht nur eine therapeutische, sondern auch eine intellektuelle und eine Liebesbeziehung.
In den Tagebüchern, aus denen immer wieder vorgelesen wird, sucht Hillesum sich zu verstehen und Worte für ihre Angst, Begehren, Schuld, Freiheit und Gott zu finden, um aus dem Verstehen eine innere Stärke zu gewinnen. Ihr Nachdenken und Verstehen-Wollen führen zu einer Bereitschaft, anderen beizustehen und solidarisch zu handeln. Zugleich weigert sie sich, Hass ihre innere Energie zu überlassen, und sie versucht, ihre geistige Freiheit im Angesicht der drohenden Deportation zu bewahren.
Hagai Levi entscheidet sich bewusst gegen das klassische historische Biopic. Er verlegt die Handlung in eine ahistorisch wirkende Zeit, die der Gegenwart nahe ist. Die Bedrohung wird dadurch abstrakt und verliert ihren konkreten historischen Kontext, die Besatzung der Stadt durch die Nationalsozialisten.
In der Serie gibt es immer wieder Szenen, die wie ein Kammerspiel wirken, bei dem zwei Personen miteinander sprechen. Hierzu sagt Hagai Levi: „Was mich … interessiert, ist der Dialog: was passiert, wenn zwei Menschen miteinander sprechen. Ich habe das Gefühl, dass eine Art Wesen entsteht, wenn zwei Menschen sprechen. Etwas wird wirklich erschaffen. Vermutlich hängt das auch mit meiner streng religiösen Erziehung zusammen. In der Jeschiwa verbringt man den größten Teil des Tages mit dem sogenannten Chavruta-Lernen: Du und ein anderer Schüler studieren den Talmud gemeinsam, in endlosem Dialog. Das hat sicher seinen Ursprung dort.“
Levi betont, dass ihn an den Tagebüchern besonders die philosophischen Gedanken Etty Hillesums interessiert hätten. „Sein Wesen sind Erkenntnisse, die für jeden zu jeder Zeit relevant sind. Für mich war es eine Verpflichtung gegenüber dem Buch, etwas Zeitloses und Universelles zu machen…. Das Tagebuch ist eine Erfahrung, nicht nur eine Sammlung von Ideen und Philosophien. Es ist ein Buch, das wahrscheinlich für den Rest deines Lebens neben deinem Bett bleibt und dir in schwierigen Zeiten hilft.“
Etty Hillesum gewinnt innere Freiheit, indem sie die Einweisung ins Lager Westerbork bewusst auf sich nimmt. Eine Szene zeigt, wie sie am Schalter nach einer Fahrkarte nach Westerbork verlangt. Hiermit wird sie gleichsam zu einer Märtyrerin, die ihr Schicksal bewusst auf sich nimmt. Vor dem Hintergrund von religiösen Traditionen, die Martyrium positiv bewerten, stellt sich die Frage nach einer kritischen Auseinandersetzung mit ihm.
Die Schauspielerin Julia Windischbauer und Sebastian Koch ziehen die Zuschauenden in den Bann. Die Serie ist in den nächsten Wochen in der arte Mediathek zu sehen und lohnt sich.