Rabbinisches Wort für Juli/August 2026

Das aktuelle Bild hat keinen Alternativtext. Der Dateiname ist: Rabbiner-Levi-Israel-Ufferfilge-klein.jpg

Rabbinisches Wort für Juli/August 2026

Allmonatlich verfasst Rabbiner Levi Israel Ufferfilge ein rabbinisches Wort, basierend auf dem aktuellen Wochenabschnitt, der am Schabbat in der Synagoge gelesen wird.

Zur Paraschat haSchavua Pinchas (BeMidbar 25,10–30,1)

Ich habe im Juli Geburtstag – zumindest nach gregorianischem Kalender; nach hebräischem Kalender habe ich am 1. Av direkt zu Beginn der intensivsten jüdischen Trauerperiode im Jahr, die mit dem Fasten an Tisch‘ah BeAv ihren Höhepunkt erreichen wird. Da finde ich es immer ganz gut, wenn mein anderer Geburtstag noch vor dem Monat Av liegt. Denn ab dem 1. Av heißt es ade Wein und Fleisch, ade Musik, ade Schwimmen und noch einiges mehr, was gerade an einem Sommergeburtstag schön wäre.

Als ich noch bei meiner Familie gewohnt habe, wurde ich an meinem Geburtstag stets recht verwöhnt. Meine Mutter und meine Schwester haben meinem Bruder und mir (wir haben am selben Tag Geburtstag) jedes Jahr zum Frühstück sowohl Pfannkuchen als auch French Toast und Waffeln gemacht, während meine Oma sel. A. mir noch vor dem Aufwachen ein oder zwei Vasen oder manchmal auch Eimer mit Kornblumen, meine Lieblingsblumen, in mein Zimmer gestellt hat. Für den Nachmittag buk sie dann noch einen großen Erdbeerkuchen. Das war jedes Jahr alles, was ich mir an Geschenken wünschte.

Die drei Frauen in meiner Familie haben also jedes Jahr aufs Neue dafür gesorgt, dass ich einen schönen Geburtstag hatte. Egal, ob mein gregorianischer Geburtstag bereits in den Monat Av fiel oder nicht, diese kulinarischen und floralen Traditionen waren so oder so im Einklang mit den Verzichten der Trauerzeit.

Im Wochenabschnitt Pinchas zu Beginn des Juli sind es auch Frauen, die dafür sorgen, dass das Leben für andere besser wird. Machlah, Noah, Choglah, Milkah und Tirtzah heißen sie. Meist werden sie in der Literatur nur „die Töchter von Tzlofchad“ genannt, aber man sollte ihre Namen kennen, denn immerhin haben sie etwas Erstaunliches für ihre Zeit erreicht.

Wegen Machlah, Noah, Choglah, Milkah und Tirtzah haben wir nämlich unsere jüdischen Gesetze in Sachen Erbe. Die fünf Schwestern hatten keine Brüder und hätten nach dem Tod ihres Vaters als Frauen eigentlich kein Erbe bekommen können, womit sie mittellos zurückgeblieben wären. Der Talmud beschreibt in Bava Batra (119b-120a), dass die fünf Schwestern in der Torah gelehrt und somit weise waren und sie, nachdem man ihnen lange kein Gehör geschenkt hatte, eloquent und klug für ihre Sache vor Mosche und nicht zuletzt vor G‘tt einstehen konnten, sodass ihnen das Erbe ihres Vaters schlussendlich doch zugesprochen wurde. Mehr noch wurde durch diesen Fall für die künftigen Generationen geregelt, wie im Volk Israel Besitz vererbt werden soll. Erstaunlich früh in der Menschheitsgeschichte wird hier in einem Gesetzeskodex garantiert, dass Töchter ein Erbe antreten und so auch eigenen Besitz haben können – zumindest, sofern sie keine Brüder haben.

Um ihren Anteil am Erbe, am geistigen Erbe des Judentums, streiten auch heute viele jüdische Frauen. Die Rolle der Frau ist im Judentum wie auch in vielen anderen Religionen zum Gradmesser geworden, wie Religion als Institution richtig verstanden werden soll: sollen Frauen und Männer die gleichen Rechte und Pflichten haben oder unterschiedliche Rollen und Aufgaben? Werden wir G‘tt und der Torah gerechter, wenn Frauen möglichst wenig oder möglichst viel, d.h. wie die Männer, in unserer Religion mitbestimmen dürfen?

Diese Fragen werden in den verschiedenen Strömungen unterschiedlich beantwortet und sind durchaus auch innerhalb der Strömungen im Fluss. Insbesondere in den vergangenen Jahrzehnten haben Frauen in allen jüdischen Strömungen Sprünge nach vorn geschafft.

Nun ist die Diskussion unter den Rabbinern zu Fragen der Gleichberechtigung der Geschlechter sehr alt, umfangreich und widersprüchlich. Und Frauen selbst durften an dieser Diskussion extrem lang gar nicht selbst teilnehmen. Doch es gab in der jüdischen Geschichte immer wieder Frauen wie Machlah, Noah, Choglah, Milkah und Tirtzah, die für eine Verbesserung ihrer Stellung einstanden. So gab es die gelehrten Töchter, die Raschi beim Schreiben seiner Rechtsgutachten halfen, oder die Jüdinnen, die im Mittelalter Tfillin, also Gebetsriemen, angelegt haben. Es gab die ersten Mädchen, die aufs Gymnasium gehen durften, unter denen viele jüdisch waren. Es gab die jüdischen Frauen, die für die Aufklärung und die Emanzipation der Frauen und der Juden in Europa gekämpft haben. Es gab die Frauen, die in Osteuropa durch Handel maßgeblich für den Unterhalt der Familien und die Steuerabgaben verantwortlich waren, sodass wir bis heute viele Frauennamen als jüdische Familiennamen wie Rivkin (von Rivka), Sorkin (von Sarah) oder Rochlin (von Rachel) als Zeugnis dieser Zeit haben. Und dann gab es die erste Frau, die Rabbinerin wurde: Regina Jonas, hier in Deutschland in den 1930ern. Mittlerweile haben alle Strömungen – sogar Teile der Orthodoxie – Rabbinerinnen. Und natürlich gibt es in den meisten Strömungen Kantorinnen. Übrigens hatte der Staat Israel schon 1969 mit Golda Meir die erste Premierministerin – zum Ärger vieler orthodoxer Rabbiner ihrer Zeit.

Für das Judentum gibt es wie bei nahezu allen Fragen nicht die eine Antwort und den einen Weg für alle. Es gibt viele Antworten und viele Wege im Judentum. Veränderung oder das Beibehalten einer Norm kann es durchaus nebeneinander geben. Das Wichtigste ist, dass es wie in unserem Wochenabschnitt stets die Möglichkeit geben muss, dass ein Mensch Gehör bekommt und sich das beste Argument durchsetzen kann, wenn es um Gerechtigkeit für alle geht.

Deshalb habe ich mich an meinem Geburtstag zwar bebacken und beschenken lassen, aber habe dasselbe auch jedes Jahr für meine Schwester, meine Mutter und meine Oma sel. A. getan. Und auch für meinen Vater, versteht sich.

Schreibe einen Kommentar