
Rabbinisches Wort für den Oktober 2026
Allmonatlich verfasst Rabbiner Levi Israel Ufferfilge ein rabbinisches Wort, basierend auf dem aktuellen Wochenabschnitt, der am Schabbat in der Synagoge gelesen wird.
Dvar Torah zu Hoschana Rabba 2026
Rabbiner Levi Israel Ufferfilge
Zusätzlich zu dem Gebot der Torah, Aravot, also Bachweidenzweige, als eine der Vier Arten (der Festtagsstrauß, mit dem man morgens an Sukkot betet) mitzunehmen, gibt es eine weitere Mitzwa, die ihren Ursprung in der Halacha leMosche miSinai (ein Gesetz, das seit Moses mündlich tradiert wird) hat: lange Aravot-Zweige zum Tempel zu bringen und sie neben dem Altar aufzustellen, wobei ihre Spitzen über den Altar gebeugt wurden. Wenn die Aravot gebracht wurden, bliesen die Kohanim, also die Priester, auf dem Schofar, dem Widderhorn. Dies geschah an jedem Tag von Sukkot mit Ausnahme von Schabbat. Falls jedoch Hoschana Rabba, der siebte Tag und Höhepunkt von Sukkot, auf den Schabbat fiel, wurde es dennoch getan, weil der Schwerpunkt der Mitzwa der Aravot auf diesen Tag fiel. Um eine Schabbatentweihung zu vermeiden, wurden die Aravot vor dem Schabbat gepflückt und in mit Wasser gefüllten goldenen Vasen aufbewahrt, damit sie nicht verwelkten. Am Schabbat stellten die Kohanim die Aravot dann einfach neben den Altar (TB Sukka 45a).
In Weiterführung dieser Praxis legten die Propheten fest, dass Aravot nicht nur für den Tempel, sondern von Juden überall gepflückt werden sollten. Sie legten auch fest, dass die Aravot geschlagen werden sollten. Nach der Zerstörung des Tempels führten die Juden diesen Brauch zum Gedenken an den Tempel fort. Auch wenn zu Zeiten des Tempels täglich Aravot gepflückt wurden, wurde es nach der Tempelzerstörung Brauch, dies nur an einem einzigen Tag zu tun. Man wählte den siebten Tag, da dieser im Tempel der wichtigste Tag für diese Mizwa gewesen war, denn an ihm wurde der Altar nicht nur einmal, sondern siebenmal umrundet.
Auf den ersten Blick scheint es, als würde die Arava – da sie weder Geschmack noch Geruch hat – den einfachsten Juden symbolisieren, der weder die Torah lernt noch gute Taten vollbringt. Die Torah gebietet uns, die Aravot mit den anderen Arten zu bündeln, um diese Art von Juden zu schützen (Vajikra Rabba 30,12). Angesichts dessen könnten wir fragen: warum sollte man die Arava einzeln herausnehmen? Offensichtlich hat die Arava eine weitere Dimension. Gerade weil ihr sowohl Geschmack als auch Geruch fehlen, steht sie für den Reumütigen, der sich seines begrenzten Vermögens in Sachen Torah und Mitzvot, seiner vielen Unzulänglichkeiten und seiner Schuld bewusst ist und der erkennt, dass allein G‘tt ihm helfen kann. Aus dieser Perspektive steht ein Bußfertiger G‘tt näher als jemand, der vollkommen gerecht ist. Letzterer hat sich sein Recht zu leben durch den Verdienst seiner guten Taten an den Hohen Feiertagen verdient; er benötigt keine besondere Hilfe von G‘tt. Im Gegensatz dazu ist sich ein Büßer bewusst, dass er gänzlich von G‘tt abhängig ist, der ihm trotz seiner Fehler die Hand reicht und seine Reue annimmt. Dies verbindet ihn tiefer mit G‘tt. Dazu erklären die Rabbiner: „Wo die Büßer stehen, können selbst vollkommen Gerechte nicht stehen“ (Brachot 34b).
Wenn Hoschana Rabba kommt, nachdem wir bereits unser Bestes getan haben, um Buße zu tun, und an Rosch haSchana und Jom Kippur ausgiebig gebetet haben, wenden wir uns nun an G‘tt, um demütig um Hilfe zu bitten. Wir nehmen die Aravot, um zu zeigen, dass wir – die Büßer – wissen, dass unsere Erlösung allein von G‘tt abhängt. Vielleicht werden die Aravot deshalb Hoschanot genannt, was auf unsere wiederholte Bitte an G‘tt anspielt, „uns zu retten“. Denn wenn wir es verdienen, gerettet zu werden, dann nur aufgrund der Demut, die sie verkörpern. Und der Brauch, die Aravot zu schlagen, drückt ebenfalls unsere Bereitschaft aus, uns selbst und unseren bösen Trieb außer Acht zu lassen, um G‘tt von ganzem Herzen zu dienen.
Schabbat Schalom und Mo’adim leSimcha!