
Lesetipp: Grußwort von Rabbiner Dr. Gábor Lengyel
Anlässlich der Eröffnung der Islamisch-Theologischen Fakultät an der Universität Münster am 24. September 2026 sprach Rabbiner Dr. Gábor Lengyel ein Grußwort. Hier finden Sie es.
Grußwort
Rabbiner Dr. Gábor Lengyel
Sehr geehrter Herr Prof. Wessels, liebe Freundinnen und Freunde, lieber Prof. Khorchide – nein, lieber Bruder Mouhanad!
Welche persönliche Ehre hast du mir erwiesen, lieber Mouhanad! Ein Holocaust/Schoa-überlebendes Kind, ein Israeli, ein ehemaliger israelischer Soldat und heute Rabbiner der Reformsynagoge Hamburg früher der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, darf bei der Eröffnung der ersten Islamisch-Theologischen Fakultät Deutschlands ein Grußwort sprechen.
Wow!
Ich möchte deshalb nicht nur zu einer neuen Fakultät sprechen. Ich möchte zu meinem Bruder sprechen. Dein Vorname Mouhanad bedeutet, „indisches Schwert“. Wir Rabbiner haben die Neigung, nach einer hebräischen Parallele zu suchen. Auf Hebräisch bedeutet muchan „bereit“, und aus ad wird ein ed, „Zeuge“.
Du warst muchan/bereit, etwas Neues zu schaffen. Und ich wünsche dir, dass du in den kommenden Jahren zu einem ed/Zeuge dafür wirst, wie diese Fakultät wächst.
Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Dr. Margot Käßmann, sagte 2013 bei der Eröffnung der School of Jewish Theology an der Universität Potsdam, wo der eigentliche Motor Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka war:
„In der Theologie geht es um Denken, Reflektieren und Nachdenken zu können. Und sie fügte hinzu, dass wir gerade deshalb wissenschaftliche Theologie an öffentlichen Universitäten brauchen.“
Universitäre Theologie bedeutet für mich: einen Glauben ernst zu nehmen, Fragen zu dürfen, ohne den Glauben aufzugeben. Auch im Qur’an.
Lieber Bruder Mouhanad, du hast dich mit deinem neuen Buch „Ohne Judentum kein Islam“ auf einen für die islamische Theologie ungewöhnlichen Weg begeben. Du schreibst von einer „Neubesinnung innerhalb islamischer Denktradition“, die den Dialog mit dem Judentum nicht als bloße Option versteht, sondern als „konstruktiven Bestandteil des eigenen Glaubensverständnisses“.
Und du formulierst weiter: „Diese Wende bedeutet nicht weniger als eine Neudefinition des muslimisch-jüdischen Verhältnisses: nicht im Zeichen der Abgrenzung, sondern im Geist der Verbundenheit – als Bündnispartner im globalen Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Menschenwürde.“
Hier stehen zwei Menschen, ein islamischer Theologe und ein Rabbiner, zwei Menschen, die miteinander sprechen, – bei aller Verschiedenheit – Brüderlichkeit erfahren. Diese Brüderlichkeit bedeutet nicht, dass wir unsere Unterschiede aufgeben. Vielleicht liegt gerade darin eine der wichtigsten Aufgaben von Theologie heute: die Fähigkeit zur Unterscheidung mit der Fähigkeit zur Verbundenheit zusammenzubringen.
Du sprichst in deinem Buch von der Einheit in der Vielfalt der monotheistischen Religionen. Du verweist dabei unter anderem auf die dritte Sure des Qur’an, Vers 64, auf den Ruf an die „Leute der Schrift“, zu einem gemeinsamen Wort zu kommen.
Und wenige Verse später wird Abraham/Ibrahim als Gottergebener, als Muslim bezeichnet.
Gerade hier beginnt für mich eine spannende theologische Frage: Wie können Universalismus und Partikularismus miteinander leben? Das ist keine einfache Frage!
Deshalb würde ich mich sehr freuen, lieber Mouhanad, wenn du mich eines Tages als Rabbiner in deine Fakultät – zu deinen Studierenden, zu einem Seminar einlädst.
Dein Buch „Umdenken“ aus dem Jahr 2011 hast du mit einem eindringlichen Satz beendet. Du schreibst dort: „Bitte gönnen Sie uns Muslimen unseren Kampf um Reform und Aufklärung!“
Lieber Mouhanad, Du hast in mir einen begeisterten Unterstützer gewonnen. Und ich glaube, genau diese Erfahrung von Brüderlichkeit brauchen wir heute: nicht die Brüderlichkeit, die Unterschiede leugnet, sondern die Brüderlichkeit, die Unterschiede aushält.
Ich möchte mein Grußwort mit einem hebräischen Satz schließen. Schließlich ist Mosche – Moses, Musa – auch im Qur’an eine bedeutende Gestalt:
חזק חזק ונתחזק, Chasak, chasak, wenitchasek.
„Sei stark, sei stark, und lasst uns gestärkt werden.“
Diesen Satz sprechen wir in der Synagoge am Ende der Lesung eines jeden der fünf Bücher Moses.
Es ist ein gemeinsamer Wunsch: Mögen wir in unserem Lernen, in unserem Ringen um Erkenntnis und in unseren guten Taten immer wieder neue Kraft finden.
חזק חזק ונתחזק–Chasak, chasak, wenitchasek
Masal tov! Herzlichen Glückwunsch!