Lesetipp: Hier ist nicht Europa

Cover: Johannes Becke, Hier ist nicht Europa (Wallstein Verlag)

Lesetipp: Johannes Becke – Hier ist nicht Europa. Wie Israel Teil des Nahen Ostens wurde

„Hier ist nicht Europa“ (po se lo Europa) lautet der Titel eines sehr tanzbaren israelischen Songs aus dem Jahr 2011, der provokant-ironisch auf die damalige Auswanderungswelle junger israelischer Intellektueller nach Europa, vor allem nach Berlin, antwortet: „Meine Liebe, hier ist nicht Europa, hier herrscht Chaos, der alte Nahe Osten.“

Mit diesem Zitat fasst der Professor für Israel- und Nahoststudien Johannes Becke kurz und prägnant seine grundlegende These zusammen: Israel lässt sich nur verstehen, wenn man es als Teil des Nahen Ostens und Nordafrikas begreift: einerseits eingebunden durch ein engmaschiges Netz an geopolitischen Allianzen, andererseits beeinflusst von einer zunehmend nahöstlich geprägten politischen Kultur. „Anders als [Theodor] Herzl dies erwartet hätte, entsprechen grundlegende Merkmale der israelischen Gesellschaft denselben Mustern, wie sie auch in anderen Ländern der Region zu finden sind.“ (S. 11)

Die hier angesprochenen Aspekte werden in den folgenden Kapiteln anhand von vielen historischen und aktuellen Beispielen erläutert – vom postkolonialen Staatsaufbau Israels über das osmanischen Erbe des bis heute gültigen religiösen Familienrechts bis hin zur israelischen Fusion Küche und Musikszene.

Doch zunächst setzt sich der Autor mit der aktuell so weitverbreiteten Deutung Israels als kolonialer Gesellschaft (Stichwort „Siedler-Kolonialismus“) auseinander: Die postkolonialen Theorien zu Israel werden von ihm – wie ich finde, sehr überzeugend – ad absurdum geführt: Becke macht deutlich, dass es den postkolonialistischen Theoretiker*innen fast nie um das real existierende Israel und die real existierende Besatzung geht, sondern um Israel als Symbol und Verkörperung der „dunklen Seite“ der europäischen Moderne. Das ist umso erschreckender, als die zionistischen Einwanderer*innen seit Ende des 19. Jahrhunderts als in Europa diskriminierte Minderheit in ein Land einwanderten, zu dem das jüdische Volk eine Jahrtausende alte Beziehung hatte (und in dem auch immer Juden und Jüdinnen gelebt hatten).

Ich empfehle das Buch allen, die das Bedürfnis nach faktenbasiertem und kontextualisiertem Wissen über den Staat Israel und die israelische Gesellschaft haben und neue Perspektiven und theoretische Einordnungen kennen lernen möchten. Der Autor schreibt meistens allgemeinverständlich, manchmal etwas professoral und theoriegesättigt, doch davon sollte man sich nicht abhalten lassen. Man muss auch nicht jeder These zustimmen, um viel Neues und Bedenkenswertes zu lernen.

Johannes Becke. Hier ist nicht Europa. Wie Israel Teil des Nahen Ostens wurde. Göttingen: Wallstein Verlag, 2026

Ein Tipp zum Schluss: Wer sich über den aktuellen Konflikt knapp, aber faktenreich informieren will, dem empfehle ich folgende Online Publikation von Johannes Becke und Kollegen aus dem Jahr 2024:

Welcher Fluss und welches Meer? Eine Einordnung der Mythen und Streitpunkte des Israel-Palästina-Konflikts, hg. von der Bildungsstätte Anne Frank (Oktober 2024). Konzeption und Texte: Johannes Becke, Tom Khaled Würdemann, Janis Detert und Samuel Stern

Dr. Ursula Reuter, Köln

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