Brief aus Jerusalem Nr. 35

Dr. Deborah Weissman

Brief aus Jerusalem

Autorin: Dr. Deborah Weissman

Allmonatlich verfasst Dr. Debbie Weissman, die ehemalige Präsidentin des International Council of Christians and Jews, einen Bericht über die aktuellen Entwicklungen in Israel.

Brief aus Jerusalem – Oktober 2026

Nach den Sommerferien kehrten die Israelis zurück, um im September und zu Beginn des Oktobers, nun erneut bis zu einer Woche frei zu haben. Mehrere der Feiertage fallen in diesem Jahr auf Wochenenden, was für Juden in der Diaspora von Vorteil ist, da sie so weniger Zeit von ihrer Arbeit oder Schule opfern müssen. Hier in Israel, wo der Großteil des Landes Urlaub hat, hört man oft den Ausdruck „acharei hechagim” – „nach den Feiertagen”. Die Arbeit wird nach den Feiertagen erledigt.

Doch der Wahlkampf für die bevorstehenden Wahlen geht täglich weiter. Ein rechtsgerichteter, religiöser Brigadegeneral a. D. der Armee namens Ofer Winter hat eine neue politische Partei namens „Amcha Yisrael“ – „Dein Volk Israel“ – gegründet. Von dieser wird erwartet, dass sie der derzeitigen Regierungskoalition Stimmen abziehen wird. Winters Aufstieg in der IDF wurde von mehreren früheren Oberbefehlshabern, darunter Gadi Eisenkot, blockiert, da er ultranationalistische Ansichten vertritt und entsprechende Äußerungen tätigt. So bezeichnete er beispielsweise den Krieg im Gazastreifen 2014 als Kampf gegen die Feinde des Herrn. Den zweiten Platz auf der Wahlliste seiner Partei hat ein christlicher israelischer Araber angenommen.

Premierminister Netanjahu und seine Berater nehmen die Umfragen ebenso zur Kenntnis wie die Bevölkerung. Er scheint von der Erkenntnis erschüttert zu sein, dass er möglicherweise nicht erneut gewinnen könnte. Seine Frau Sara beleidigte öffentlich den pensionierten General Yair Golan, den Vorsitzenden der linksgerichteten Demokratischen Partei. Sie behauptete, die Geschichte, dass er zum Gelände des Nova-Tanzfestivals geeilt sei und das Leben junger Menschen gerettet habe, sei ein erfundener politischer Schachzug. Golan forderte eine Entschuldigung und drohte andernfalls, sie auf mehrere Millionen Schekel zu verklagen.

Viele Menschen befürchten, dass die Wahlen ohne ein eindeutiges Ergebnis enden und erneut zeigen, dass das Land in zwei Wahlblöcke gespalten ist, die nicht zusammenarbeiten können. Vieles wird von der Wahlbeteiligung im Allgemeinen und im arabischen Sektor im Besonderen abhängen.

Eine der großen Fragen, die im Zusammenhang mit den bevorstehenden Wahlen aufgekommen ist, ist, inwieweit Netanjahu vor der Möglichkeit gewarnt worden war, was am 7. Oktober 2023 geschah. Er erhielt offenbar mehrere Tage im Voraus eine Warnung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, ignorierte diese jedoch oder gab sie zumindest nicht an die IDF oder die Sicherheitsdienste weiter. Anstatt die Verantwortung für diesen schwerwiegenden Fehler zu übernehmen, begann er, andere dafür verantwortlich zu machen, dass sie ihn nicht rechtzeitig geweckt hatten, um die Krise zu bewältigen. All diese Fragen unterstreichen die dringende Notwendigkeit einer unparteiischen Untersuchungskommission zu den Ereignissen vor dem 7. Oktober und deren Folgen.

Selbst wenn Eisenkot gewinnt, sollte angemerkt werden, dass er ein Vertreter der politischen Mitte ist, jedoch kein Linker. Er lehnt einen palästinensischen Staat ab. Er würde jedoch höchstwahrscheinlich nicht mit den rechtsextremen jüdischen Parteien von Ben-Gvir und Smotrich zusammenarbeiten. Am wichtigsten ist, dass er ein ehrlicher Mann zu sein scheint, der die Bedürfnisse des Landes über seine eigenen stellen würde. Auf seiner Liste und auf einigen der anderen Listen der Mitte, wie etwa der Partei von Bennett und Lapid, stehen viele neue Gesichter. Sie könnten der Knesset eine neue, erfrischende Atmosphäre verleihen, doch den meisten von ihnen fehlt es an parlamentarischer oder gar politischer Erfahrung.

Gleichzeitig gibt es eine interessante Entwicklung innerhalb der charedischen (ultraorthodoxen) Gemeinschaft. Seit Jahren beklagen einige der aufgeschlosseneren Charedim, die ihre Kinder sowohl in weltlichen als auch in traditionellen religiösen Fächern unterrichten und sie möglicherweise sogar dazu ermutigen, beim Militär zu dienen oder einer Arbeit nachzugehen, dass die etablierten charedischen Parteien und Politiker sie nicht wirklich vertreten. Sie gründeten eine neue Partei namens „Die Haredi-Öffentlichkeit“. Es wird prognostiziert, dass sie die für den Einzug in die Knesset erforderliche Hürde nicht nehmen werden. Doch könnte diese Initiative einen neuen Weg ebnen, der sich in Zukunft weiterentwickeln wird.

Die Gewalt durch Siedler im Westjordanland hält an und hat ein Ausmaß erreicht, das von der „New York Times“ als „Pogrome“ bezeichnet wurde. Einige angeblich religiöse Siedler sind zu dem Schluss gekommen, dass es zulässig sei, den Schabbat zu verletzen, um Diebstähle, Vandalismus und sogar körperliche Gewalt gegen Palästinenser zu begehen und diese so zu vertreiben, um ihr Land zu übernehmen. Elf Länder, angeführt von Großbritannien, haben Sanktionen gegen Produkte aus diesen Gebieten verhängt. Als Vergeltungsmaßnahme schloss der israelische Außenminister Gideon Sa’ar das britische Konsulat in Jerusalem.

Die internationale Unterstützung für Israel scheint auf einem Allzeittief zu sein. Premierminister Netanjahu soll vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen sprechen, doch es wird davon ausgegangen, dass er sich in erster Linie an seine politische Basis in Israel richten wird.

Bei den Filmfestspielen von Venedig erhielt ein israelischer Film namens „Naza” fast 25 Minuten lang stehende Ovationen. Der Titel ist ein hebräisches Militärakronym für „Kollateralschaden”. Da niemand, der darüber geschrieben hat, den Film tatsächlich selbst gesehen hat, ist es schwierig, ihn zu bewerten und einzuschätzen, welchen PR-Schaden er anrichten könnte. Der Titel erinnert – insbesondere für Nicht-Hebräischsprachige – sowohl an „Nazi“ als auch an „Gaza“. Sollte es mir gelingen, eine Gelegenheit zu finden, den Film heimlich zu sehen, werde ich irgendwann darüber berichten.

Aber wir möchten mit einer erfreulichen Nachricht schließen. Daher erwähne ich zwei positive Dinge: Erstens fand Anfang September – wahrscheinlich in Deutschland – eine geheime Militärkonferenz statt, auf der sich Israel gegenüber den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien dazu verpflichtete, ihnen bei der Verteidigung gegen den Iran und die jemenitischen Houthis zu helfen. An der Konferenz nahmen Vertreter von sieben arabischen Staaten teil.

Zweitens organisierte der lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, vor Rosch Haschana eine Konferenz im Ökumenischen Institut Tantur, das auf einem Hügel liegt, mit Blick auf Jerusalem und Bethlehem. An der Zusammenkunft nahmen Katholiken, Protestanten, Juden und mindestens ein Muslim (Sari Nusseibeh) teil. Im vergangenen Frühjahr gab der Patriarch eine Erklärung ab, die die Grundlage für die Diskussionen auf diesem Symposium bildete. Sie trägt den Titel „Sie kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück“: Ein Vorschlag für die Verwirklichung der Berufung der Kirche im Heiligen Land.

Der Kardinal bietet darin sowohl eine auf der Heiligen Schrift basierende Vision eines Ideals für Jerusalem als auch praktische Hinweise zu pastoralen Folgen. Das Thema der Freude kommt für Juden im bevorstehenden Laubhüttenfest (Sukkot) zum Ausdruck. Es ist das universellste unserer Feste, an dem wir für den Frieden und das Wohlergehen aller Völker der Welt beten. Amen.

Letter from Jerusalem – October 2026

After their summer vacations, Israelis returned for the month of September, and the first few days of October, during which they will be off for up to a week of work. Several of the festivals this year fall on weekends, which for Diaspora Jews is good, in that it saves them taking too much time from their jobs or schools. Here in Israel, since most of the country is on holiday, one hears a lot the expression “acharei hechagim”—after the holidays. The work will get done after the holidays.

But the work of campaigning for the upcoming elections continues daily. A right-wing, religious brigadier general (res.) in the Army named Ofer Winter started a new political party called Amcha Yisrael—Your people Israel—expected to take votes away from the present ruling coalition. Winter’s advancement in the IDF had been blocked by several of the previous commanders-in-chief, including Gadi Eisenkot, due to Winter’s ultra-nationalist views and expressions, having called the 2014 war in Gaza a battle against the enemies of the Lord. The number 2 slot on his party ticket has been accepted by a Christian Israeli Arab.

Prime Minister Netanyahu and his advisors read the polls as we all do, and he seems to have been stunned by the realization that he might not win again. His wife Sara publicly insulted retired general Yair Golan, head of the left-wing Democrats Party, saying that on October 7th, the story about him going to the grounds of the dance festival and saving lives of young people had been made up as a political ploy. He demanded an apology or threatened to sue her for millions of shekalim.

Many people are worried that the elections will end up either being inconclusive or again showing that the country is divided down the middle into two electoral blocs that cannot work together. Much will depend on the election turnout in general and within the Arab sector in particular.

One of the big questions that has arisen and been bolstered by the coming election is the extent to which Netanyahu had been warned about the possibility of what happened on October 7, 2023. He apparently received a warning from the United Arab Emirates several days in advance, but either ignored it or at least did not share it with the IDF or the General Security Services. Rather than accepting responsibility for this grave error, he started to blame others for not waking him up in time to handle the crisis. All these questions serve to underscore the urgent need for an impartial commission of inquiry into the events leading up to October 7th and its aftermath.

Even if Eisenkot wins, it should be noted that he is a centrist, not a left-winger. He opposes a Palestinian state. But he would most likely not cooperate with the extremist right-wing Jewish parties of Ben-Gvir and Smotrich and, perhaps most significantly, he appears to be an honest man who would put the country’s needs above his own. The candidates on his list, and on some of the other centrist lists, such as the party of Bennett and Lapid, include a lot of new faces who could probably add a new and refreshing atmosphere to the Knesset, but most of them lack parliamentary or even political experience.

At the same time, there’s an interesting development within the Haredi (ultra-Orthodox) community. For years, some of the more open-minded Haredim—for example, those who educate their children in secular subjects, as well as traditional, religious ones and who might even encourage them to serve in the Army or work in the labor force—have complained that the conventional Haredi parties and politicians are not really representing them. They formed a new party called “The Haredi Public.” It is predicted that they will not pass the threshold necessary to enter the Knesset, but that this initiative may be starting a new path that will develop in the future.

Settler violence continues on the West Bank and reached a high-enough level to be called “pogroms” by the New York Times. Some ostensibly religious settlers have determined that it is permissible to violate the Shabbat in order to perform acts of stealing, vandalism and even physical violence against Palestinians, in efforts to drive them away and to take over their land. Eleven countries, led by Britain, have imposed sanctions on products from these territories. In retaliation, Foreign Minister Gideon Sa’ar closed the British consulate in Jerusalem.

International support for Israel seems to be at an all-time low. PM Netanyahu is due to address the General Assembly at the UN, but it is believed that he will direct his remarks to his political base in Israel.

At the Venice Film Festival, an Israeli film called “Naza” received an almost-25-minute standing ovation. The title is a Hebrew military acronym for “collateral damage.” Since none of the people here who have written about it have actually seen it themselves, it is somewhat difficult to evaluate the film and how much public relations damage it might cause. The title, especially to non-Hebrew speakers, evokes both “Nazi” and “Gaza.” If I can arrange a clandestine opportunity to see it, I will be able to report on it at some point.

But we like to end on a happier note. So, I have two positive things on which to report: first, in early September, a secret military conference was held –probably in Germany—in which Israel committed to helping the UAE and Saudi Arabia defend themselves against both Iran and the Yemenite Houthis. The conference was attended by representatives of seven Arab states.

The other positive news is that before Rosh Hashanah, the Latin Patriarch of Jerusalem, Pierbattista Cardinal Pizzaballa, organized a conference held at the Tantur Ecumenical Institute on a hilltop, overlooking both Jerusalem and Bethlehem. The gathering was attended by Catholics, Protestants, Jews and at least one Muslim (Sari Nusseibeh.) Last spring, the Patriarch issued a statement that was the basis for discussion at this symposium. It is called “They returned to Jerusalem with great joy:” A proposal for living the vocation of the church in the Holy Land.

The Cardinal offers both a vision, based in Scripture, of an ideal for Jerusalem, as well as practical references for its pastoral implications. This theme of joy is manifest for Jews in the upcoming festival of Sukkot, the most universal of our festivals, in which we pray for the peace and well-being of all the nations of the world. Amen.

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