
Termin:
27. Juni 2026, 16:00 Uhr
Ort: Zoom
Eine Reise zu verborgenen Schätzen europäischer Kulturgeschichte.
Auf der 12-tägigen Studienreise wurde aus einer weißen Landkarte ein Mosaik mit vielen Bildern und Einsichten. An diesem Nachmittag blicken Teilnehmende der BCJ Studienreise auf das Land und die gewonnenen Eindrücke. Alle sind herzlich eingeladen, dabei zu sein.
Bulgarien hat eine sehr lange und vielschichtige Geschichte, in der sich antike Kulturen, Christentum, Islam und Judentum überlagern.
In der Antike lebten auf dem Gebiet des heutigen Bulgarien vor allem Thraker, deren Religion aus lokalen Kulten, Heroenverehrung und Einflüssen aus der griechischen Welt bestand. Mit der römischen Eroberung setzte sich zunächst die Religion des Reiches durch, später das Christentum. Nach der slawisch-bulgarischen Staatsbildung wurde das Christentum zum entscheidenden Integrationsfaktor. Besonders wichtig war die Entwicklung der slawischen Schriftkultur. Das Erste Bulgarische Reich und später das Zweite Bulgarische Reich waren deshalb nicht nur politische, sondern auch kirchliche und kulturelle Machtzentren. Klöster, Kirchen und Übersetzungszentren förderten eine eigenständige orthodoxe Tradition.
Die jüdische Geschichte auf bulgarischem Gebiet reicht bis in die Antike zurück. Nach der Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel 1492 fanden viele Sepharden im Osmanischen Reich, das über 400 Jahre in der Region bestimmend war, Zuflucht und siedelten sich auch im heutigen Bulgarien an. In Städten wie Sofia, Plowdiw, Russe oder Widin entstanden bedeutende jüdische Gemeinden.
Im 19. Jahrhundert erlebte Bulgarien eine nationale Wiedergeburt, die sich gegen osmanische Herrschaft richtete und mit einem kulturellen Erwachen verbunden war. Auch die jüdischen Gemeinden wurden davon erfasst, denn die Entstehung moderner Nationalstaaten brachte neue Fragen von Zugehörigkeit, Gleichberechtigung und Loyalität mit sich. Nach der Befreiung von 1878 wurden Juden im neuen bulgarischen Staat rechtlich schrittweise integriert und waren zunächst gleichberechtigte Bürger.
1939 verwies die bulgarische Regierung ausländische Juden des Landes und 1941 begann die systematische Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung. Juden mussten Kennzeichnungen tragen, wurden enteignet, aus dem öffentlichen Leben gedrängt und zur Zwangsarbeit herangezogen.
Im bulgarischen Kernland selbst kam es zwar zu massiver Verfolgung und zur Vorbereitung von Deportationen, doch Proteste von Politikern, der orthodoxen Kirche und Teilen der Bevölkerung verhinderten schließlich die Auslieferung der rund 50.000 dort lebenden Juden. Bulgarien gilt daher in der europäischen Holocaust-Geschichte als ein Land mit einer doppelten Bilanz: Rettung der Juden im Kernstaat, aber Mitverantwortung für die Vernichtung der Juden in besetzten Gebieten. Nach 1945 verließen die meisten Juden Bulgarien, vor allem nach der Gründung des Staates Israel. Die kommunistische Zeit führte zu weiterer Emigration, zur Schwächung religiösen Lebens und zur Entwurzelung vieler Gemeinden.
Die muslimische Geschichte Bulgariens ist eng mit der osmanischen Herrschaft, der Bildung einer bleibenden Minderheit und schwierigen Assimilationsversuchen im 20. Jahrhundert verbunden. Seit der osmanischen Eroberung im späten 14. Jahrhundert lebten Muslime – vor allem türkische Soldaten, Siedler und Verwaltungsbeamte – in Bulgarien und prägten die städtische Bevölkerung, das Rechtswesen und die Architektur. Ausgehend von diesen frühen Siedlungen entstand im Laufe der Jahrhunderte eine dauerhafte muslimische Gemeinschaft, die sich nach der Unabhängigkeit Bulgariens 1878 teilweise zurückzog, aber große Teile der Bevölkerung in der Region Rhodopen, im Südosten und in Teilen Nordostbulgariens zurückblieben.
Nach der Neuerrichtung des unabhängigen Bulgarien 1878 wurde der Islam als „Fremdreligion“ betrachtet, obwohl die muslimische Minderheit in vielen Regionen weiterhin die Mehrheit stellte. Die erste Verfassung von Turnovo (1879) garantierte zwar Religionsfreiheit, in der Praxis aber kam es zu Auswanderungswellen, Diskriminierung und Druck zur Assimilation, insbesondere in Form von Namensbulgarisierungen und politischer Marginalisierung. Dennoch blieb die muslimische Bevölkerung in Bulgarien eine der größten muslimischen Gruppen in Europa; nach dem Zensus 2021 leben etwa sieben bis neun Prozent der Bevölkerung als Muslime.
Die kommunistische Diktatur unter Todor Schiwkow intensivierte die Assimilationspolitik gegen die türkisch‑muslimische Minderheit. In den 1980er‑Jahren wurden türkische Bulgaren gezwungen, ihre Namen zu bulgarisieren und ihre muslimische Identität zu verbergen. 1989 verließ nach Schätzungen etwa eine halbe Million bulgarische Türken das Land. Viele Moscheen wurden geschlossen oder enteignet, und religiöse Praxis wurde stark eingeschränkt. Nach 1989 gewährleistet die bulgarische Verfassung formelle Religionsfreiheit, doch die orthodoxe Kirche genießt de facto einen privilegierten Status als „traditionelle Religion“. Die Aufarbeitung der Zwangsbulgarisierung und der Verbrechen an der türkischen Minderheit blieb begrenzt.