
Referent*in: Rabbiner Dr. Alexander Grodensky, Prof. Dr. Ursula Rudnick
Termin: 07. Januar 2026, 18:30 Uhr
Ort: Zoom
Der Satz „Siehe, ich mache alles neu“ erscheint sowohl im Jesajabuch (Jes 43,19) als auch in der Offenbarung des Johannes (Offb 21,5).
Im Jesajabuch gehört das Wort zur sogenannten Deuterojesaja-Tradition (Kap. 40–55), die während des Babylonischen Exils entstand. Israel erlebt hier das Ende seiner politischen und religiösen Selbstverständlichkeit. In dieser Situation verkündet der Prophet einen „neuen Weg durch die Wüste“ und „Wasserströme in der Einöde“. Das „Neue“ verweist auf einen „neuen Exodus“, also eine zweite, heilsgeschichtlich transformierte Befreiungstat Gottes. Es ist keine Abkehr von der Geschichte Israels, sondern ihre Erneuerung im Rahmen des Bundes. Der historische Hintergrund – Exil, Identitätsverlust und Neuorientierung – prägt die Bedeutung des neuen Handelns Gottes als Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen Gott und Volk.
In der Offenbarung des Johannes steht das Wort am Ende der apokalyptischen Vision, nach dem Gericht über das Alte. Hier wird das „Neu-Machen“ universalisiert: Himmel und Erde werden verwandelt, das Böse endgültig überwunden. Historisch spiegelt sich darin die Situation bedrängter Gemeinden Kleinasiens im späten 1. Jh. n. Chr., die unter römischer Verfolgung und religiöser Marginalisierung litten.
Beide Texte spiegeln Wendepunkte traumatischer Erfahrungen: Im Exil Israels wie in der Bedrängnis der frühen Jesus-Messias-Gläubigen eröffnet Gott wider die Erfahrung der Machtlosigkeit neue Möglichkeiten.