Lili Körber: Abschied vom Gestern
Im Mittelpunkt dieses Romans, der vermutlich 1949 in New York geschrieben und im vergangenen Jahr erstmals publiziert wurde, steht das aus Wien geflohene Ehepaar Genia und Robert Schicht, das 1941 mittellos in ein New Yorker Mietshaus auf der Upper West-Side einzieht, in dem fast ausschließlich deutschsprachige, meist jüdische Emigrantinnen und Emigranten leben. Genia ist Konzertpianistin, Robert Kinderarzt ohne Anstellung; seine Qualifikation zählt im neuen System wenig, ihre Kunst noch weniger – beide müssen sich jenseits ihrer bisherigen Identitäten neu definieren. Lili Körber beschreibt das Leben von Genia und Robert Schicht über den Zeitraum von zwei Jahren, in denen das Paar versucht in New York Fuß zu fassen und der materiellen Not zu entkommen. Genia nimmt jede Arbeit an, von Haushaltshilfe bis Hauslehrerin, während Robert sich mühsam auf seine Approbation vorbereitet – ein Prozess, der das Selbstbild des Mannes ebenso infrage stellt wie die Belastbarkeit der Ehe.
Besonders stark ist der Roman dort, wo er das Exil nicht als verheißungsvollen Neuanfang, sondern als schmerzhaften Zwischenzustand beschreibt. Das New Yorker Mietshaus wird zur Bühne einer verdichteten Exilerfahrung, in der sich nationale Traumata, persönliche Verluste und alltägliche Demütigungen überlagern. Tragisches und Komisches liegen nahe beieinander; kleine Missverständnisse, Nachbarschaftskonflikte und Eifersüchteleien unterlaufen jede Tendenz zur Verklärung.
Körbers Sprache ist klar und zugleich atmosphärisch dicht. Die erzählerische Strategie setzt nicht auf dramatische Zuspitzung, sondern auf eine langsame Durchdringung der Situationen der Charaktere, auf die genaue Beobachtung von Gesten, kleinen Dialogen und unausgesprochenen Spannungen. Die Autorin lässt die Figuren durch ihr Scheitern und ihr Ausharren sprechen. Körber entwirft fragile Figuren, deren Stärke im Aushalten, im Weitermachen unter widrigen Bedingungen liegt.
Das Buch zeigt eindrucksvoll, was es heißt, im Schatten der Geschichte zu leben. Lili Körbers Roman Abschied vom Gestern ist eine eindringliche, literarische Wiederentdeckung. Der Roman, seine Publikationsgeschichte – wie auch das Leben der Autorin – spiegelt das Schicksal vieler Emigrant*innen, die im Land der Emigration nicht an ihre beruflichen Erfolge anknüpfen konnten. Dies erklärt, warum der bereits 1949 verfasste Roman erst 2025 veröffentlicht wurde.
