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Pessach scheni, das Fest der zweiten Chancen

Im Mai erwarten uns zum einen Schavuot, das sieben Wochen nach Pessach den Empfang der Torah am Berg Sinai und damit nach der Befreiung aus Ägypten die eigentliche Geburtsstunde einer israelitischen Identität feiert, und zum anderen Lag baOmer, ein mystisches Fest, das das wundersame Ende einer Seuche unter Rabbinerschülern in der Spätantike und zugleich den Todestag von Schimon bar Jochai, dem traditionell die Autorschaft des Sohar, des wichtigsten Werks der Kabbala, zugeschrieben wird.

Doch begehen wir – in diesem Jahr am 1. Mai gelegen – auch noch einen zu oft vergessenen kleinen Feiertag: Pessach scheni, das zweite Pessach (Num 9,9-13). Die Idee dabei war zurzeit vom Mischkan, dem Stiftszelt, und später zur Tempelzeit, dass Menschen, die das Pessachlamm an Pessach nicht opfern konnten, weil sie rituell unrein und/oder durch eine Reise zu weit von Jerusalem entfernt waren, das Korban (Opfer) einen Monat später nachholen durften. Derjenige, der das erste Pessach versäumt hatte, opferte an Pessach scheni also ein Lamm, aß ein Teil vom Fleisch zusammen mit Mazza und Marror, also ungesäuertem Brot und Bitterkraut, und sang das Hallel, das große Feiertagsgebet, für G’tt. Das war schon alles, um die Mitzvah des Pessachopfers nachträglich erfüllen zu können.

Ich kann nicht deutlich genug betonen, wie absolut ungewöhnlich es ist, dass wir im Judentum ein zweites Pessach haben! Pessach ist der einzige Feiertag, der essenziell nachgefeiert werden kann. Schavuot und Sukkot, also Wochen- resp. Laubhüttenfest, haben an sich denselben Status wie Pessach und trotzdem gibt es bei ihnen kein Nachholfest. Rosch haSchana und Jom Kippur sind noch wichtiger als Pessach und trotzdem gibt es keinen zweiten Versöhnungstag im Jahr. Die zweite Chance gibt es nur für Pessach. Das mag daran liegen, dass das Pessachopfer besonders war in der Art, wie es dargebracht wurde: es wurde zunächst aufgeteilt zwischen G’tt, den Kohanim, also den Priestern, und einem selbst. Es wurde mit anderen Speisen kombiniert und festlich mit Gebeten und Gesang gegessen. Daraus entstand der Sederabend, den wir bis heute feiern. Schon damals hatten wir zu Pessach eine äußerst emotionale Verbindung: das Fest unserer Befreiung und Erlösung, das Fest, das uns zu einem richtigen Volk werden ließ, das sich seines eigenen Schicksals annehmen durfte. An Pessach nicht das Opfer darbringen zu können, weil man an Toten unrein geworden oder auf weiter Reise war, war damals deshalb eine persönliche wie familiäre Katastrophe. Pessach scheni gab unseren Ahnen eine zweite Chance, G’tt ihre Dankbarkeit für ihre Befreiung, Erlösung als Juden und Treue zu G‘tt ausdrücken zu können.

Heute gibt es zwar keinen Tempel mehr, aber Pessach scheni existiert tatsächlich noch immer. Wir müssen dafür zum Glück keinen zweiten tagelangen Pessachputz machen und dürfen an Pessach scheni sogar ganz normal Chametz, also Gesäuertes, essen. Das zweite Pessach dauert keine acht Tage, sondern bloß einen. Weil es keinen Opferdienst mehr gibt, braucht man heutzutage nicht einmal ein Lamm (ohne Tempel ist das Lamm sogar tabu). An Pessach scheni essen wir dieses Jahr also am 1. Mai einfach eine ganze Matze bei einer etwas üppigeren Mahlzeit – übrigens auch, weil Pessach scheni der Tag war, an dem unsere Vorfahren die letzte Mazza aus Ägypten aufgegessen hatten. Einige Familien – meine gehört auch dazu – essen deshalb nach Pessach scheni keine Matze mehr bis zum nächsten Pessach. An Pessach scheni sprechen wir heute zwar das Hallel-Gebet wie damals nicht mehr, aber wir lassen das eher elegische Tachanun-Gebet beim Morgengebet weg und vermeiden auch sonst traurige und unangenehme Dinge (weshalb wir auch kein bitteres Marror zur Matze essen). Chassidim feiern Pessach scheni heutzutage noch etwas aufwendiger. Ihre Rebbes laden zum tish ein, also zu einer festlichen Zusammenkunft an einem riesigen Tisch mit Essen, Torahlernen und Unterhaltung. Und der Nadvorna Rebbe, ursprünglich aus der heute ukrainischen Stadt Nadvirna, macht für seine Chassidim sogar einen Seder scheni mit Mazza, Marror und vier Bechern Wein! Gönnen wir es ihnen! In jedem Falle aber machen wir uns an Pessach scheni bewusst, dass G’tt zweite Chancen vergibt. Er weiß, dass wir Dinge verpassen, Möglichkeiten auslassen, gute Gründe haben, warum wir einmal verhindert sind. Und selbstverständlich weiß G’tt, dass wir immer wieder Fehler machen. Dazu braucht es wie an Jom Kippur Vergebung, wie an Hoschana Rabah, dem Höhepunkt von Sukkot, jenseits des Gesetzes Nachsicht für den guten Willen und an Pessach scheni schlichtweg das, was wir uns so oft im Leben wünschen: eine zweite Gelegenheit dann, wenn wir bereit dazu sind und wissen, wie es besser zu machen ist. Und da wir beZelem Elokim, in G’ttes Ebenbild, erschaffen wurden, sollen auch wir einander zweite Chancen geben. Nicht nur an Pessach scheni.

Rabbiner Levi Israel Ufferfilge