Brief aus Jerusalem Nr. 31

Autorin:
Dr. Deborah Weissman

Es war zweifellos ein sehr ereignisreicher Monat. Er begann damit, dass der Iran die Straße von Hormus sperrte und Präsident Trump drohte, militärisch einzugreifen, falls sie nicht wieder geöffnet würde – ohne dabei eine konkrete Frist zu nennen. Unterdessen dauerten die Kämpfe zwischen Israel und dem Libanon an, wobei der Sprecher der israelischen Streitkräfte erklärte, dass sie noch Wochen andauern könnten. Eines Abends schlugen Raketen in Arad und Dimona ein – beides Orte im Süden Israels –, wobei mehr als 180 israelische Zivilisten verletzt wurden. Am nächsten Tag wurde bekannt, dass das Abwehrsystem namens „David’s Slingshot“ seine Aufgabe der Abfangung nicht erfüllt hatte.

Trump verkündete einen fünftägigen Waffenstillstand mit dem Iran, während die Saudis die USA dazu ermutigten, weiter zu kämpfen. Dieser Krieg, von der US-Regierung „Epic Fury“ genannt, ist in den USA sehr unpopulär, sogar unter vielen Trump-Anhängern.

In Israel durften sich nicht mehr als 40 oder 50 Personen an einem Ort versammeln. Das Pessachfest rückte schnell näher, und uns wurde klar, dass wir uns für die Synagoge anmelden mussten. (Daran waren wir seit den COVID-Tagen gewöhnt.) Tag und Nacht wurden viele Raketen aus dem Iran abgefeuert, und Israelis im ganzen Land rannten in ihre Schutzräume, manchmal zwei- oder dreimal in derselben Nacht. Die Nacht des Seder, des wichtigsten Festes von Pessach, wurde in Teilen des Landes mehrmals unterbrochen. Später sahen wir, dass der Seder in einigen Gemeinden direkt im Luftschutzbunker abgehalten wurde.

Bei einem der Angriffe wurde Haifa getroffen. Zwei Paare aus zwei Generationen derselben Familie kamen ums Leben.

Es wurde versucht, einen Waffenstillstand zu erreichen, der allerdings fragil ist. Nach Pessach wurden die Teilnahmebeschränkungen aufgehoben, doch bis dahin waren bereits viele Veranstaltungen abgesagt worden, darunter auch einige zum Holocaust-Gedenktag. Dennoch ertönten, wie es in Israel Tradition ist, am Morgen des Holocaust-Gedenktags und des Gedenktags für die gefallenen Soldaten Sirenen und alle Menschen standen zwei Minuten lang in Ehrerbietung still. In diesen Minuten kommt der Verkehr zum Stillstand, und die Menschen steigen aus ihren Autos, um der Opfer zu gedenken – in der einen Woche der Opfer des Holocaust, in der folgenden Woche der gefallenen Soldaten. Die erste Sirene soll den Preis verdeutlichen, den wir für die Machtlosigkeit der Juden zahlen; die zweite den Preis, den wir für die Macht der Juden zahlen.

Doch der Gebrauch und Missbrauch jüdischer Macht ist zu einem heiß umstrittenen Thema geworden, sowohl innerhalb Israels als auch an anderen Orten. Israel ist weitgehend zu einem Paria-Staat geworden. Bis vor kurzem galt Israel im US-Kongress als ein Thema, bei dem sich Demokraten und Republikaner einig waren, und beide Parteien unterstützten im Allgemeinden Israel auf der internationalen Bühne. Wenn es heute noch parteiübergreifende Einigkeit gibt, dann liegt das an einer wachsenden ablehnenden Haltung gegenüber Israel. Junge Amerikaner beider Parteien neigen dazu, den jüdischen Staat negativ zu sehen. Gegen Ende Oktober werden in Israel reguläre Wahlen stattfinden. Sollte die derzeitige Koalition abgewählt werden und neue Politiker mit einer anderen Ausrichtung die Macht übernehmen, wird sich zeigen, wie sich dies auf Israels internationales Ansehen auswirkt.

Der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance wurde von der Regierung zu Gesprächen in den Iran entsandt, reiste jedoch nach der ersten Runde abrupt ab. Vielleicht ist er mit den Verhandlungsgewohnheiten im Nahen Osten nicht vertraut. Der Iran droht, den gesamten Schiffsverkehr im Roten Meer zu stoppen. Eine solche Maßnahme könnte schwerwiegende Folgen für die USA haben, die in ihrem Bestreben, sich die Ölversorgung zu sichern, behindert würden. Somit könnten die Kämpfe tatsächlich wieder aufflammen.

Nur zwei Tage vor dem israelischen Unabhängigkeitstag schändete ein Soldat der IDF im Libanon eine Jesus-Statue in einem christlichen Dorf. Er wurde von einem anderen Soldaten gefilmt, und dieser Vorfall wurde in den sozialen Medien gepostet. Es gab einen internationalen Aufschrei, und sowohl er als auch der Fotograf wurden streng bestraft. Ich möchte persönlich anmerken, dass ich von 1980 bis 1982 als Ausbildungsoffizier in der IDF diente. Wenn Soldaten für eine Woche Ausbildung nach Jerusalem kamen – und die meisten taten dies in dieser relativ ruhigen Zeit –, besuchten wir Kirchen und sprachen über das Christentum und den Islam. Vielleicht ist dies in den letzten Jahrzehnten nicht mehr der Fall. Die beiden Soldaten, die diese Gräueltat begangen haben, haben offensichtlich nicht ihren gesunden Menschenverstand benutzt.

Seit vielen Jahren findet am Abend des Gedenktags eine alternative Gedenkfeier statt. Es ist eine gemeinsame Zeremonie für trauernde israelische und palästinensische Familien, die sowohl auf Arabisch als auch auf Hebräisch abgehalten wird, mit persönlichen Zeugnissen, Musik und Gedichten. Die Zeremonie wird auf Zoom übertragen und erreicht Tausende von Menschen auf der ganzen Welt. Ich schaue sie mir jedes Jahr an, nachdem ich mehrmals persönlich daran teilgenommen habe. Doch mittlerweile ist der Ort ein streng gehütetes Geheimnis, da Extremisten beider Seiten versucht haben, die Zeremonie zu stören oder sogar die Teilnehmer anzugreifen. In diesem Jahr lautete das Thema „Der Tag danach…“. Es ist ein Zeugnis der Menschlichkeit und der Größe dieser Hinterbliebenenfamilien, dass sie auf ihre eigene persönliche Tragödie mit Empathie und Solidarität gegenüber der anderen Seite reagieren und ihre Trauer auf solch konstruktive Weise teilen.

Ein sehr besorgniserregendes Phänomen der letzten Zeit betrifft zwei sehr prominente Mitglieder der US-Regierung: Vance und Pete Hegseth, der Verteidigungsminister, den Trump in Kriegsminister umbenannte. Beide sind christliche Nationalisten, die antisemitische Stereotypen verbreitet haben, indem sie beispielsweise die Presse als „Pharisäer“ bezeichneten. Vance, ein zum Katholizismus konvertierter Christ, hat den Papst scharf kritisiert, weil dieser liberale, kriegsfeindliche Ansichten geäußert hat. Hegseth ist ein evangelikaler Christ, der die USA in eine christliche Nation verwandeln will und dabei offenbar die Tatsache ignoriert, dass viele Amerikaner andere religiöse Ansichten vertreten.

Die letzte Nachricht, die ich vor dem Verfassen dieses Beitrags gesehen habe, war, dass Netanjahu wegen Prostatakrebs behandelt wurde. Das ist bei einem Mann seines Alters nicht ungewöhnlich, und wir wünschen ihm zweifellos alle eine schnelle und vollständige Genesung. Aber dies könnte ein weiterer Grund für ihn sein, einen Rücktritt in Betracht zu ziehen, noch vor den Wahlen im Oktober.

Was auch immer geschieht, eines ist sicher: Es wird hier im Nahen Osten ein heißer Sommer werden, im wahrsten Sinne des Wortes.

Die englische Version können Sie hier herunterladen.

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