
Rabbinisches Wort zum Schabbat haGadol, dem Schabbat vor Pessach
An einem typischen Schabbat gibt es vom Rabbiner, wenn wir es genau nehmen, lediglich ein kurzes Dvar Torah, also ein Torahwort, zum aktuellen Wochenabschnitt. Man soll dabei nicht den gesamten Wochenabschnitt nacherzählen, geschweige denn ihn von Anfang bis Ende durchinterpretieren, sondern am besten einen besonders interessanten Aspekt herausgreifen. Auf keinen Fall 20 min oder dergleichen darschn/predigen, sondern eher eine einstellige Anzahl an Minuten reden. Generell aus Respekt gegenüber den Betenden und bei G’ttesdiensten, in denen aus der Torah gelesen wird, vor allem aus Respekt gegenüber der Torah, die ansonsten wesentlich länger außerhalb des Torahschreins verweilen müsste als unbedingt notwendig.
An zwei Schabbatot im Jahr funktioniert es indes anders, denn dann gibt es jeweils eine längere Drascha, eine ausführliche Auslegung. Synagogengänger und Hebräischkenner stutzen nun womöglich, nutzen wir doch heutzutage das Wort „Drascha“ zumeist für jede Form der Auslegung des Rabbiners. Traditionell aber unterscheiden wir das kurze Dvar Torah – Torahwort – von den beiden Draschot, den langen Auslegungen zweimal im Jahr. Eine dieser beiden Draschot gibt es am Schabbat Schuva zwischen Rosch haSchana und Jom Kippur, also während der Hohen Feiertage. Darin geht es entweder religionsgesetzlich und/oder philosophisch um Schuld und Sühne, Umkehr und Vergebung, oder aber der Rabbiner liest seiner Gemeinde wortwörtlich die Leviten. Der andere Schabbat mit langer Drascha ist an diesem Schabbat, dem Schabbat haGadol.
Warum der Zusatz haGadol, also „der Große“? Zum einen dreht sich die Prophetenlesung an diesem Schabbat um die Ankunft des Maschiach/Messias an einem Tag, der vom Propheten Malachi „der große und ehrfurchtgebietende Tag G’ttes“ genannt wird. Zum anderen ist dieser Schabbat so groß, weil er direkt vor Pessach, dem Fest unserer Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten, ist und an den Tagen vor dem Exodus das Opfern der ersten Pessachlämmer vorbereitet wurde. Manche aber würden sagen, dass dieser Schabbat derart groß ist, weil der Rabbiner so lang an ihm predigt. Geht es in seiner so langen Drascha aber um unsere Befreiung aus Ägypten und wie diese uns überhaupt zu einer eigenständigen Religion und Kultur gemacht hat? Nein. In praktischer Vorbereitung auf Pessach behandelt die Drascha all die vielen Regeln, die es zur Vorbereitung auf Pessach sowie an Pessach selbst einzuhalten gilt.
Da gibt es etliches zu beachten: das Spenden an die Bedürftigen, das Einkaufen von an Pessach koscheren Lebensmitteln für viele Familienmitglieder und Freunde, das komplizierte und aufwendige Kaschern der Küche, das Fortschaffen von allem Chametz, also Gesäuertem, und von allem, was damit verwechselt oder gelagert werden könnte, das Durchsuchen von Haus oder Wohnung, Auto, Büro oder eigenem Geschäft nach den letzten Resten von Chametz, der Verkauf von Chametz an Nichtjuden, das Verbrennen vom allerletzten Chametz, das Nichtigerklären von allem Chametz, was man womöglich doch nicht bewusst verkauft oder verbrannt hat, das Fasten der Erstgeborenen oder bei zu jungen Erstgeborenen das Fasten ihrer Väter resp. Eltern am Vortag von Pessach, die Vorbereitungen für die beiden Sederabende, das Durchführen der Sederabende, das Omer-Zählen und das Durchhalten bis zum Ende von Pessach beim Verzicht auf alles Gesäuerte und den unzähligen zum Verwechseln geeigneten Lebensmitteln wie Hülsenfrüchte, Mais, Reis, Soja, Sesam, Senfsaat etc. etc., die wir auf Hebräisch liebevoll Kitnijot, also Kleinigkeiten, nennen. Es hat allein schon eine Minute gedauert, diese Aspekte nur aufzuzählen. Nun stellen Sie sich vor, Sie säßen an diesem Schabbes bei uns in der Synagoge und würden die Details dazu hören! Zu schade, dass man am Schabbat nicht einmal mitschreiben darf. Glücklicherweise gibt es ja die Möglichkeit, nach Schabbat noch einmal alles nachzulesen: in einem guten Buch über die Gesetze und Gepflogenheiten von Pessach oder womöglich im langen Skript der Drascha vom Schabbat haGadol. Hoffentlich enthält ein solches Skript dann auch die Erinnerung daran, warum wir all diese Anstrengungen unternehmen: für nichts weniger als unsere Erlösung aus einer Bedrängnis, die zu Freiheit und Eigenständigkeit führte. Auf beides gründet das Judentum noch heute. Schabbat Schalom.
Rabbiner Levi Israel Ufferfilge