Rabbinisches Wort für den März 2026

Dvar Torah zu Paraschat Tetzaveh (Schemot 27,20-30,10)
Warum tragen wir eigentlich eine Kippa? Die Kippa ist wahrscheinlich das bekannteste jüdische Erkennungsmerkmal; die meisten Menschen wissen, dass Juden eine Kippa tragen. Warum wir das aber tun ist für die meisten Menschen – Juden wie Nichtjuden – völlig unklar. Ja, wir sagen meist gern als Antwort, dass die Kippa lediglich ein Brauch sei. Aber so einfach ist es nicht. Und unsere heutige Parascha stupst uns dezent auf den Ursprung unserer Kippa. So dezent, dass man es schnell überliest.
Im Talmud finden wir drei prominente Passagen zum Tragen einer Kopfbedeckung. Zum einen lesen wir in Traktat Schabbat 156b: „Bedecke dein Haupt, damit die Ehrfurcht vor G’tt auf dir sei!“ Hier ist die Kopfbedeckung also als Befehl formuliert. Illustriert wird dieser Befehl zusätzlich durch eine Anekdote von Rav Nachman bar Jitzchak, der angibt, dass er wohl ein Dieb geworden wäre, hätte seine Mutter nicht stets auf eine Kopfbedeckung bei ihm bestanden, die ihn immer wieder an G’tt erinnern sollte. Zum anderen erfahren wir in Traktat Kidduschin 31a, dass der ehrwürdige Rav Huna ben Joschua nie mehr als vier Amot (ca. 2m) ohne Kopfbedeckung ging, weil er sich immerzu der Schechina, der Gegenwart G’ttes, bewusst gewesen sei. Schließlich finden wir in Traktat Brachot 60b den Aufbau der Birkot haSchachar, der Segenssprüche am Morgen, die wir bis heute jeden Tag aufsagen. Bei jeder Tätigkeit der morgendlichen Routine bedanken wir uns bei G’tt: wir bedanken uns fürs Aufwachen, fürs Aufstehen, dass wir Kleidung zum Ankleiden haben und man soll auch einen Segen sagen, wenn man seine Sudara um den Kopf wickelt. Die Sudara oder Sudra war eine Art Turban. Der Talmud geht hier also davon aus, dass jeder Mann morgens einen Turban aufsetzt.
Was wurde aus diesen drei Talmudstellen gemacht? Rabbiner haben unterschiedliche Schlüsse aus ihnen gezogen. Rabbiner, die in islamischen Ländern gelebt haben, haben sowieso wie alle Männer fast immer einen Turban oder eine andere Kopfbedeckung getragen; dort war das so selbstverständlich wie bei unseren Vorfahren zu talmudischen Zeiten. In Europa aber herrschte von Spätantike bis zur Frühen Neuzeit lange Zeit Uneinigkeit. Klar ist, dass Juden in der Synagoge eine Kopfbedeckung trugen. Italienische Juden trugen allerdings im Alltag jahrhundertelang keine Kopfbedeckung. Von einigen französischen Juden weiß man, dass sie sogar beim Bentschn (Segnen) von Essen keine Kopfbedeckung trugen, was aber Juden aus anderen Ländern verbrieft unanständig fanden. Rabbiner debattierten darüber, ob eine Kopfbedeckung eine religiöse Pflicht, ein Brauch oder sogar nur Midat Chassidut, also ein Zeichen von besonderer Frömmigkeit, sei. Wenn ein ehrwürdiger Rabbi aus dem Talmud keine zwei Meter ohne Kopfbedeckung ging, sollen das dann alle Männer so machen oder eben nur besonders ehrwürdige und fromme Juden? Wenn unsere Vorfahren selbstverständlich morgens einen Turban anlegten, ist es dann ein Brauch unserer Ahnen oder war das einfach Teil der Alltagskleidung, die heute eben eine andere ist? Aber wenn der Talmud als Imperativ befiehlt: „Bedecke dein Haupt!“, dann klingt das doch sehr nach einer Pflicht oder soll das eine Empfehlung sein?
Im 16. Jahrhundert schreibt Rabbiner Josef Karo den Schulchan Aruch, das ultimative rabbinische Regelbuch mit unzähligen Paragrafen zur Halacha, dem jüdischen Recht. Was es nach den Jahrhunderten der Diskussionen in den Schulchan Aruch schafft, wird für alle Juden verbindliche Halacha. Und was sagt dieses Werk zu unserer Frage? Im ersten Band Orach Chajim Kapitel 2, Paragraf 6 heißt es: „Man darf keine vier Amot (2 m) mit unbedecktem Haupt gehen.“ Eine Erläuterung dafür fügt bloß den Grund hinzu: „…aus Respekt vor der Schechina, der Gegenwart G‘ttes.“ Der ehrwürdige Rav Huna aus dem Talmud lässt grüßen!
Damit ist das Tragen einer Kopfbedeckung im Judentum also tatsächlich kein Brauch, sondern eine Pflicht – allerdings eine rabbinische Pflicht und nicht ein Gesetz aus der Torah. Es ist also weniger schlimm, wenn man es nicht macht.
Es gibt ein paar Rabbiner, die diesen Pflichtcharakter für falsch halten und darauf bestehen, dass eine Kopfbedeckung, die man ständig trägt, nur ein Ausdruck besonderer Frömmigkeit sei. Man ist sich aber einig, dass eine Kopfbedeckung aus Respekt vor G’tt in der Synagoge, auf dem Friedhof, beim Beten, beim Essen und beim Aussprechen einer Bezeichnung für G’tt getragen werden muss. Weil auch das Wort „Schalom“ als ein Synonym für G’tt zählt, heißt es, dass man auch bei Begrüßungen und Verabschiedungen eine Kopfbedeckung tragen sollte.
Im Judentum ist man sich also einig, dass eine Kopfbedeckung definitiv in einigen Situationen eine Pflicht ist; einige würden auch sagen, dass sie eine ständige Pflicht ist. Aber warum haben unsere Vorfahren überhaupt angefangen, eine Kopfbedeckung als religiöse Kleidung zu tragen? Woher kommt die Idee, dass man damit Ehrfurcht vor G’tt ausdrückt?
Natürlich kommt sie aus unserer Parascha Tetzaveh. Hier erfahren wir, dass der Kohen Gadol, der Hohepriester, im Mischkan (Stiftszelt) und später im Jerusalemer Tempel als Teil seiner rituellen Kleidung im Dienst an G’tt eine Mitznefet auf dem Kopf tragen musste: einen besonders gebundenen, edel verzierten Turban. Aus dem Talmudtraktat Svachim 88b erfahren wir, dass diese nur im Tempel getragene Kopfbedeckung speziell dazu diente, vor G’tt Vergebung für Hochmut zu erwirken, weil ein bedecktes Haupt uns ermahnen soll, dass wir nicht das Höchste aller Dinge sind, sondern G’tt über uns ist. Hierher stammt also die Idee, dass eine Kopfbedeckung uns an G’tt erinnern und uns so ehrfürchtig machen soll. Und so entwickelten sich neben besonderen Kopfbedeckungen für einen heiligen Ort auch gewöhnliche Kopfbedeckungen für die heiligen Kontexte im eigenen Alltag.
Unsere Kippa in ihrer heutigen Form war nach diesem Vorbild zuerst für heilige Orte und Handlungen bestimmt, tauchte wohl im frühsten Mittelalter auf und war über Generationen zunächst hoch und konisch (weshalb Kippa wörtlich „Kuppel“ bedeutet), sodass man auch keinen Hut darüber aufsetzen konnte wie heute. Wenn man draußen unterwegs war, trug man einen Hut anstatt einer Kippa – und man trug einen Hut, weil man nach christlichem Gesetz lange musste. Die Generationen überspannende Debatte darüber, ob eine Kippa eine Pflicht, ein Brauch oder nur ein Zeichen großer Frömmigkeit ist, sorgte dafür, dass immer mehr Juden davon überzeugt wurden, eine Kippa ständig zu tragen, weshalb sich ihre Form Stück für Stück wandelte und alltagstauglicher wurde. Damit wurde die Gegenwart G‘ttes nicht mehr nur in der Synagoge verortet. Vielmehr wurde einem überall im Alltag die Anwesenheit von G’tt, der über einen wacht und sogar die gewöhnliche Nahrungsaufnahme zu einem heiligen, Ehrfurcht gebietenden Ereignis macht, durch ein Stück Stoff auf dem Kopf bewusst gemacht. Eine geradezu pädagogische Entwicklung.
Rabbiner Levi Israel Ufferfilge
Ihr/Euer Rabbiner Levi Israel Ufferfilge