
Eli Sharabi
491 Tage.
In den Tunneln der Hamas
Berlin: Suhrkamp Verlag, 2026
Ausgangspunkt des Buches von Eli Sharabi ist der 7. Oktober 2023: der Überfall der Hamas auf den Kibbuz Be’eri, bei dem Sharabi aus seinem Haus verschleppt wird, während seine Frau Lianne und die beiden Töchter zurückbleiben und später ermordet werden – eine Tatsache, von der er erst nach seiner Befreiung erfährt. Die folgenden 491 Tage verbringt er überwiegend in den unterirdischen Tunnelsystemen der Hamas, gefesselt, häufig unterernährt, ohne ausreichende Luftzufuhr und Schlaf. Hunger, Hitze, Atemnot, die fortdauernden Schmerzen durch Fesseln – Sharabi beschreibt diese körperlichen Zumutungen nüchtern, fast protokollarisch, wodurch sich ihre Wirkung geradezu potenziert.
Sharabi erzählt seine Gefangenschaft primär über den Körper. Erkenntnis entsteht im minutiösen Erzählen der Routinen: die Organisation des knappen Raums, Atemübungen gegen Panik, Gespräche mit den Mitgefangenen, das mühselige Aufrechterhalten minimaler Tagesstrukturen. „Unsere Mission ist es zu überleben“ – dieser nüchterne Satz, den das Buch immer wieder variiert, befreit das Überleben von heroischer Überhöhung und zeigt es als mühsam organisierte Praxis.
Die Hamas-Kämpfer erscheinen als Menschen mit Biografien, Familien, Gewohnheiten, und als Träger einer antisemitischen Ideologie, die Mord legitimiert und Empathie nur punktuell zulässt. Das Ziel ihrer Politik ist deutlich: der Staat Israel muss vernichtet werden. Sharabis beschreibt seine Erfahrungen und verzichtet auf großflächige geopolitische Deutungen.
Das Buch ist von außergewöhnlicher erzählerischer Klarheit. Der Text entzieht sich bewusst jedem Pathos und gewinnt gerade daraus seine verstörende Kraft. Er ist ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument, das die zum einen die Qualen und Erniedrigungen der Geiseln und ihre Interaktionen mit ihren Wärtern sehr genau beschreibt. Zugleich zeigt es die unglaubliche innere Kraft, die Eli Sharabi entfaltet und die ihm das Überleben ermöglichen.