Rabbinisches Wort für den Februar 2026

Rabbinerin Alisa Bach
Tu biSchwat – vom Neujahr der Bäume zur Feier der Schöpfung
Ursprünglich war es ein Datum vor Beginn der Baumblüte im Frühling, welches der Abgrenzung der Steuern auf Früchte des vergangenen zum Folgejahr Jahr diente. Die Kabbalisten im galiläischen Zefat des 16.Jahrhunderts verbanden an Tu BiSchwat den Menschen mit den kosmischen Prozessen der Schöpfung. Der Verzehr von Früchten an diesem Tag, vor allem solchen aus Eretz Israel, drückte die Sehnsucht nach dem Ende des Jahrhunderte währenden Exils aus. In der Zeit des Aufbruchs zum Staat Israel erfand ein Lehrer im Jahr 1890 den bis heute praktizierten Brauch, an Tu BiSchvat einen Baum zu pflanzen. So wurde es ein Fest der nationalen Wiedergeburt. Und schließlich, seit den 70ger Jahren des vorigen Jahrhunderts, bot Tu biShvat jüdischen Umweltorganisationen und Initiativen die Möglichkeit, die Dringlichkeit des Umweltschutzes in der jüdischen Tradition zu verankern.
Tu biSchvat bringt uns Freude an der Schönheit und den Gaben der Natur. Nach dem kalten, farblosen Winter feiern wir die ersten Knospen an den Bäumen als Vorboten des Frühlings. Anders als die Pilgerfeste Pessach, Shavuot und Ssukot, die als Erntefeste jeweils das Ende einer Wachstumsphase feiern, ist Tu biShwat ein Fest des Werdens. Und anders als die hohen Feiertage im Herbst steht nicht die Tschuva als Erneuerung des Menschen im Mittelpunkt, sondern die Erneuerung der Natur.
Doch kein Fest ohne Mizwa: der 15. Tag des Monats Schvat, an der Schwelle des erneuerten Wachstums, ist der richtige Tag, um sich unsere große Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung bewusst zu machen, Umweltsünden einzugestehen und unser Handeln entsprechend zu verändern. Es gilt, den göttlichen Auftrag auszuführen, den bereits der erste Mensch erhalten hat: „Er, Gott, nahm den Menschen, und setzte ihn in den Garten von Eden, ihn zu bedienen und ihn zu hüten“ (Gen3:15, Übersetzung Buber-Rosenzweig).
Tu biSchwat wird mit einem ‚Seder‘ begangen, der -in reduzierter und sehr flexibler Form- dem Pessach-Seder nachgebildet ist. Dieser Brauch wurde von den Kabbalisten um Isaak Luria im 16.Jahrhundert eingeführt. Sein Ablauf und wesentliche Elemente, die bis heute weit verbreitet sind, erschienen als Buch ‚Peri Etz Hadar‘ 1728 in Venedig.
Für das Fest benötigen wir drei Dinge: roten und weißen Wein oder Traubensaft, möglichst 15 verschiedene Früchte und Texte zum meditativen Lernen, deren Auswahl sich an den Bedeutungen des Festes orientieren sollte.
Die Kabbalisten glaubten, dass die Vertiefung in die Geheimnisse der Worte die Risse in der irdischen und den kosmischen Welten zu heilen vermag. Wir können diese Aktivität des „Tikkun“ -das Wort bedeutet Reparatur, Wiederherstellung- auch als einen Prozess der Bewusstwerdung unserer Stellung in der Schöpfung verstehen, als Entwicklung einer seelischen Haltung, die uns befähigt, unserer menschlichen Verantwortung gerecht zu werden und entsprechend zu handeln. Mit Psalmen und Liedern können wir unsere Freude an der Schöpfung, den Dank für die Segnungen der Natur und unsere Verbindung mit Eretz Israel ausdrücken.
Wir beginnen den Tu biSchwat-Seder mit einem Glas Weißwein, welches den farblosen Winter symbolisiert und lassen das zweite und dritte Glas durch Zugabe von Rotwein immer dunkler werden, bis das vierte Glas nur Rotwein enthält, das für die volle Entfaltung der Natur im Sommer steht. Die Kabbalisten allerdings assoziierten die vier Gläser mit den vier Welten des Schöpfungsprozesses, deren oberste „Azilut“ für den Menschen als reine Göttlichkeit unerfahrbar ist. Die zweite Welt ‚Bri’ah‘ (Schöpfung) enthält den Schöpfungsplan, die dritte ‚Jetzira‘ (Hervorbringung) ist die Welt der Formen und schließlich, uns am nächsten: die Welt der ‚Assija‘, (Herstellung), die eigentliche Geburt unseres Kosmos. Das erste Glas Wein ist dieser untersten Welt zugeordnet.
Ebenso geht der Brauch der Einteilung der Früchte in drei unterschiedliche Gruppen auf die Kabbalisten zurück. Zunächst essen wir Früchte mit Schale, deren Inneres genießbar ist: verschiedene Arten von Nüssen oder Granatapfel. In unserer Welt bedarf das Gute und Genießbare des Schutzes. Sodann essen wir Früchte mit hartem Kern, deren Äußeres verzehrt werden kann, zum Beispiel Kirschen, Pflaumen, Aprikosen. Diese sind der mittleren Welt der Formen -olam haJetzira- zugeordnet und bereits etwas entfernt von den Gefahren des Bösen. Schließlich essen wir Früchte ohne Schale und ohne Kern, die vollständig und ohne jegliche Rückstände gegessen werden können wie Trauben oder Feigen. Diese Früchte sind der Welt der Schöpfungsidee (olam haBri’ah) zugeordnet. Als Früchte ohne jegliche Härte und ohne Abfall symbolisieren sie ohne jede Einschränkung das Gute der Schöpfung.
Bäume, deren Erwachen nach dem Winter an Tu biShvat gefeiert wird, sind das Symbol der ursprünglichen, vollkommenen Welt. Schließlich war es der Baum des Lebens, der zusammen mit dem Baum der Erkenntnis in der Mitte des Garten Eden stand. Bereits der Talmud (bTa’anit 5b) drückt mit einer Parabel den Wunsch nach dem ewigen Segen der Natur aus: Einst wanderte jemand hungrig, müde und durstig in einer Wüste und stieß auf einen Baum mit süßen Früchten und angenehmen Schatten, unter dem ein Wassergraben lief; da aß er von seinen Früchten, trank von seinem Wasser und setzte sich in den Schatten. Als er fortgehen wollte, sprach er: O Baum, welchen Segen soll ich Dir nun erteilen: wünsche ich Dir, dass Deine Früchte süß sein mögen, so sind ja Deine Früchte süß; dass dein Schatten angenehm sei, so ist ja Dein Schatten angenehm, dass unter Dir ein Wassergraben laufe, so läuft ja ein Wassergraben unter Dir. Möge es nun der Wille Gottes sein, dass alle die Setzlinge, die von Dir gepflanzt werden, Dir gleichen.
Ihre/Eure Rabbinerin Alisa Bach