Rabbinisches Wort für den August 2025

איכה, Ejcha? – Wie konnte das geschehen?, ist das Leitwort, das über diesen Wochen steht. Ejcha lautet der hebräische Name des biblischen Buchs der Klagelieder, das wir am 9. Aw in den Synagogen vortragen. Wir gedenken der Zerstörung des Ersten und des Zweiten Tempels in Jerusalem und vieler weiterer Katastrophen in der jüdischen Geschichte. Und obwohl das Judentum nun schon bald 2.000 Jahre ohne dieses Heiligtum auskommt und neue vitale Formen für Gottesdienst und Alltag gefunden hat, bleibt dieser Tisch’ah BeAw auch für uns ein wichtiger Tag des Nachdenkens und der Trauer. Wir fasten im Gedenken an zerstörte Heiligkeit und fragen: Ejcha? – Wie konnte, wie kann so etwas geschehen?
Die liturgischen Klagegesänge des Tisch’ah BeAw mit ihren traditionellen Melodien sind eingeübt und gehen uns gewohnt über die Lippen. Doch gleichzeitig sind wir stumm, es fehlen uns die Worte, um das auszusprechen, woran wir in der Gegenwart leiden. Zu ambivalent ist das, was täglich an Wirklichkeit auf uns einstürmt: Beschimpfungen und antisemitische Happenings, die jüdische Studierende im universitären Umfeld erleben. Die Sorge um Freunde und Verwandte in Israel. Die Geiseln, die noch immer nicht heimkehren konnten. Zugleich die entsetzlichen Nachrichten aus Gaza und aus der Westbank. Wie können wir unsere Verzweiflung über das Geschehen in differenzierter Weise ansprechen, und vor wem? Jede Kritik wird von Israelfeinden vereinnahmt, doch sprachlos bleiben scheint auch nicht angemessen.
Tisch’ah BeAw mit seinem Thema der nationalen und kollektiven Besinnung fällt dieses Jahr auf Anfang August (2./3. 8.). Und zu Ende des Monats richtet sich unser Blick schon wieder auf die Hohen Feiertage. Mit Beginn des Elul (25. 8.) blasen wir wieder täglich das Schofar, das uns wecken soll für den Prozess der persönlichen Introspektion. Es ist wiederum eine Zeit des intensiven Fragens und Nachdenkens, auch der Gebete. Wir werden also Worte finden müssen – für all das, was mit uns selbst und für das, was um uns und in der Welt vorgeht.
Ihre/Eure Rabbinerin Ulrike Offenberg