Rabbinisches Wort für den Juli

Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg

Es ist Sommer und Ferienzeit, viele von uns nutzen die Gelegenheit, um zu verreisen. Manche suchen neugierig das Ferne und Unbekannte, andere kehren gern an vertraute Orte zurück. In der Tosefta, einer um das Jahr 220 u.Z. redigierten Sammlung rabbinischer Aussprüche, heißt es: „Hillel der Ältere sagte: Zu dem Ort, den mein Herz liebt, dorthin führen meine Füße mich“ (tosSukkah 4:1). Die eigenen Wünsche und Sehnsüchte sind also so mächtig, dass der Körper ihnen folgt. Über tausend Jahre später formulierte es der berühmte Kommentator Rabbiner Schlomoh ben Jizchak (Raschi, 1040-1105, Frankreich) so: „Auf dem Weg, den ein Mensch gehen will, führt man ihn“. Das klingt ganz ähnlich, hat aber doch noch eine zusätzliche Bedeutung: Wer oder was führt uns? Und wohin führt dieser Weg?

Es ist die große Frage nach unserer Willensfreiheit und Verantwortung. Bestimmen wir selbst über unser Tun und Lassen? Was treibt uns dabei an, was sind die Motive unseres Handelns? Welche Gefühle, geheimen Wünsche, Traumata und unbewusste Prägungen leiten uns in unseren täglichen Entscheidungen? Sind wir uns selbst über unsere Absichten im Klaren und können die Folgen unserer Taten und Worte abschätzen?

In den kleinen und den großen Dingen des Lebens sollten wir uns immer wieder selbstkritisch fragen, was uns antreibt und auf welchen Weg uns das führt. Ist es der richtige? Ist er zum Besten von uns selbst und zum Wohl unserer Mitmenschen? Auch wenn unsere Füße sicher auftreten, ist es gut, dem Zweifel Raum zu geben. In der Unsicherheit über den Weg und das Ziel unseres Tuns gibt uns Rabbinerin Tamar Duvdevani aus Jerusalem ein Gebet für die Reise mit:

„Lass meine Füße laufen

zum Ort,

den mein Herz liebt.

Öffne mein Herz,

dass es den Ort liebe,

zu dem meine Füße laufen.“

Dass wir behütet bleiben auf all unseren Wegen, den kurzen und den langen, wünscht

Ihre/Eure Rabbinerin Ulrike Offenberg